Erinnerungen von Peter Grauer, Marcus, Iowa

Von Peter Grauer [1]

Meine Mutter starb 1912. Bei ihrer Beerdingung war der Bestatter Louie Nelson. Er benutze noch Pferde, um die Leichenwagen zu ziehen. Bei der Beerdigung waren ungefähr 12 von Pferden gezogene Kutschen und ungefähr die gleiche Anzahl Autos da. Die Autos fuhren voraus und warteten an der Trinity Lutheran Kirche auf die Pferdekutschen. Meint Vater war nicht an Autos gewöhnt und er machte sich auch nichts daraus. Er sagte, es fiele ihm nicht leicht, in einem dieser ersten Autos zu fahren. Er hatte nicht das Gefühl, die Kontrolle zu haben, weil es keine Deichsel gab, um die Pferde einzuspannen. Die Pferde mochten anscheinend die “neumodischen Apparate” auch nicht mehr als er. Viele Pferde sprangen in den Graben oder sogar über den Zaun, wenn sie mit einem Auto zusammentrafen. Ich habe mir sogar einmal das Fußgelenk verstaucht, als sich das Pferd durch ein näher kommendes Auto erschreckte und sich unser Buggy im Graben wieder fand. Die Deichsel war schlimm gesplittert, so dass sie nicht mehr benutzt werden konnte. Ich habe sie benutzt, um meinen ersten richtigen Drachen steigen zu lassen und “Junge“, ging der damals hoch. Er stieg so hoch, dass die ganze Schnur ausgerollt war. Ich schickte Papierschnitzel an der Schnur hoch und konnte den Schubs spüren, wenn die oben gegen den Drachen schlugen.

Ich wurde am 17. August 1921 mit Arta Paffle in der Trinity Lutheran Kirche, südlich von Marcus, getraut. Der Empfang fand in LeMars, im Hause ihrer Eltern, Herrn und Frau Al Paffle, statt. Dann gingen wir nach Jefferson, Iowa, und verbrachten dort einige Tage. Außerdem besuchten wir die Landes-Ausstellung in Des Moines. Dort sah ich Captain Briggs vom Hauptquartier und viele meiner früheren Armeekollegen wieder. Die meisten waren aus Minneapolis, Minnesota. Als wir von unserer Hochzeitsreise zurückkamen, begannen wir mit dem Einrichten unsers Hauses auf der Farm, auf der ich heute, 60 Jahre später, noch lebe. Mein Bruder, Lou und seine Frau Mabel, zogen nach Marcus. Er hatte eine Farm mit 80 acres[2] für eine Weile betrieben, dann entschieden sie sich dafür, ein Lebensmittel-Geschäft zu eröffnen.

Arta und ich begannen unseren langsamen Aufstieg von den stürmischen Zwanzigern in die staubigen Dreißiger Jahre; es gab Zeiten, in denen wir wirklich den Gürtel enger schnallen mussten.

In 1923 begannen wir mit dem Neubau der Trinity Lutheran Kirche. Sie wurde aus Ziegel gebaut und war ein Denkmal für den Ruhm Gottes zum Ende des I. Weltkrieges. Am ersten Sonntag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens versprach Henry Specht $ 1000 als Grundstock für den Baufonds zu spenden. Wir verschoben die alte Kirche an die nördliche Seite des Grundstückes und begannen mit der Ausgrabung des Fundaments. Wir spannten Pferde vor Schürfwagen. Um den gefrorenen Boden aufzulockern und mit den Schürfwagen abtragen zu können, benutzten wir einiger Stangen Dynamit. Nachdem wir das Fundament fertig gestellt hatten, arbeiteten wir mit einem Bauunternehmer zusammen. Das Material, wie Ziegel, Zement und Steine, wurde mit dem Zug nach Marcus gebracht. Ein drei-köpfiger Ausschuss, bestehend aus: Adam Grauer[3], Gerhart Hesse und Carl Dorr, kümmerte sich um den Eingang des Materials und ließ die Bauern wissen, wann sie kommen und das Material abholen und zur Baustelle transportieren konnten.

Das Wetter war feucht und wechselhaft. Wenn es die ganze Nacht geregnet hatte und zu nass für die Arbeit auf dem Feld war, gingen wir, um uns um den Nachschub zu kümmern. Nach dem Abendessen in Marcus fuhren wir mit unserer Ladung hinaus zur Kirche und sahen die Farmer um die Stadt herum auf den Feldern arbeiten. Wir mussten die Ziegel auf dem Kirchengelände abladen, bevor wir unsere “Hausarbeit” und die anderen notwendigen Arbeiten erledigen konnten. Sehr oft regnete es die ganze Nacht und machte es so unmöglich, auf den Feldern zu arbeiten. Das Unkraut wuchs unaufhörlich weiter. Die Ziegel und der Zement kamen normalerweise rechtzeitig, aber einmal kamen die Steine zu spät und der Bauunternehmer musste eine Woche die Arbeit einstellen. Es gab einen Vorarbeiter und einen Handwerker, die sich um die Sachen kümmern sollten. Eines Abends, als ich vom Feld heimkam, sagte Arta mir, dass die Steine für die Kirche gekommen waren. Sie sollten so schnell wie möglich abgeholt und auf den Bauplatz gebracht werden. Mein Pferdegespann hatte den ganzen Tag gearbeitet und war müde, deshalb spannte ich es ab und nahm ihm das Geschirr ab. Nachdem ich mich um die Pferde gekümmert hatte, musste ich noch weitere Arbeiten erledigen. Danach spannte ich andere Pferde an und fuhr kurz vor Sonnenuntergang nach Marcus. Beim Umladen der Steine, vom Zug auf den Wagen, hatte ich jede Menge Hilfe, aber als wir fertig waren, war die Sonne untergegangen und es war dunkel geworden. Da waren noch zwei Model T-Lastwagen, die beladen wurden und die waren natürlich schneller. Es war ungefähr 9.30 Uhr, als ich an diesem Abend mit einem Pferdegespann und einem Holzwagen, beladen mit Steinen, Marcus verließ. Ich kam an der Kirche gegen 23.30 Uhr an. Der Mond schien hell, aber es gab kein anderes Licht und es war niemand da, der mir helfen konnte, den Wagen zu entladen. Es war spät und ich war müde von der Tagesarbeit auf dem Feld. Ich saß da im bleichen Mondlicht und überlegte, was ich tun konnte. Dann hörte ich das satte Dröhnen eines Lastwagens die Straße herunterkommen, die heute als C 38 bekannt ist. Ich sah seine Lichter, als er an die Simson-Bethel-Kreuzung kam, wo das Stoppschild an allen vier Straßeneinmündungen angebracht ist. Dort verlangsamte er seine Fahrt und bog nach Westen ab. Er hielt neben mir und siehe da, es war der Vorarbeiter mit seinem Handwerker. Ich stand auf und sagte: “Ich freue mich sehr Euch zu sehen, wo möchtet ihr die Steine abgeladen haben?” Sie sagten: “Lassen sie es wie es ist bis Morgen und wir werden ihn bei Tageslicht abladen”. “Kommt nicht in Frage”, sage ich, “morgen früh werde ich mich um den Mais kümmern”. Wir spuckten alle in die Hände und halfen zusammen die Steine abzuladen. Ich hatte das Gefühl “einen gut zu haben“ bei Paul Revere. Er verließ die Boston Kirche um Mittenacht auf einem gesattelten Pferd, um die Farmen in den Außenbezirken zu informieren. Ich verließ die Trinity-Kirche nach Mitternacht in einem Holzwagen mit zwei lustlosen Pferden. Gegen 1.30 Uhr war ich zu Hause. Der Lastwagen, der mir in jener Nacht zu Hilfe kam, hatte weder eine Kabine, noch eine Windschutzscheibe. Der Sitz war ein rohes Brett mit ein paar Säcken zum Sitzen und ein 12-Zoll-Brett auf jeder Seite, es gab keine Tür. Aber das Brummen dieses antiken Lastwagens war süßer als jede Musik für meine Ohren in dieser ereignisreichen Nacht. Die Arbeit an der Kirche ging während des Frühlings gut voran. Der Bauunternehmer wurde gefragt, warum der Speis für die Ziegel am Freitag angerührt und aufgetragen wurde, um dann bis Montag zu warten, bis der Rest der Arbeit erledigt ist. Er meinte, es handle sich um eine neue Baumethode und es würde prima funktionieren. 10 oder 12 Jahre später wunderten wir uns über seine Methode, als es uns ungefähr $ 8000[4] kostete, die Ziegel neu anzustreichen. Der Bauausschuss entschied zuerst die Sitze der alten Kirche einzubauen, aber dann entschied man sich doch dafür, neue Sitze einzubauen. Jedoch hatte niemand eine Ahnung, wie sie bezahlt werden sollten. Ein Treffen wurde eines Sonntags nach der Kirche einberufen. Wir trafen uns im Pfarrhaus und ein Mann sagte, er würde $ 600[5] spenden, um zu beginnen, ein Weiterer bot $ 300[6] und noch ein Anderer $ 250[7]. Der Pfarrer holte Bleistift und Papier und ließ es herumgehen, so konnten wir alle unsere Zusagen machen. Wir hatten die für die Kirchenbänke benötigten $ 2500 innerhalb von 30 Minuten zusammen. Die “versprochenen $ 250” musste ich fünf Jahre lang abzahlen.

Trinity Kirche in Marcus, IA
Trinity Kirche in Marcus, IA

Der Grundstein der neuen Kirche wurde am 20. Mai 1923 gelegt. Ich sang im Chor auf der Bühne, als Pfarrer Ilten eine Kelle gereicht wurde, um etwas Speis unter den Stein zu geben. Etwas von dem weichen Zement spritzte auf seinen edlen Anzug, aber er schien sich nicht daran zu stören. Er sagte: “In fünfzig Jahren, wenn viele von uns in ihren Gräbern liegen werden, wird diese Kirche noch stehen und einer von uns wird das Evangelium predigen.” Pfarrer Wolfram, der Urgroßvater von Michael Wolfram, der nun der Pfarrer der Peace Lutheran-Kirche in Marcus ist, war auch auf der Bühne. Er war der Präsident der Missouri-Synode von ganz Iowa.

Nach der Grundsteinlegung gingen die Bauarbeiten sehr gut voran. Wir sahen der Vollendung und der Einweihung mit großer Spannung entgegen. Die Einweihung fand am Sonntag, den 16. Dezember 1923, statt.

Die Kirche hatte $ 3500 gekostet und war schuldenfrei. Viele betrachteten die Trinity Lutheran-Kirche als eine der schönsten ländlichen Kirchen in ganz Iowa. Es war eine kleine Kirche, aber es wurden mehr Steine verbaut, als in vielen größeren Kirchen im Osten und es machte mich glücklich, zu wissen, dass ich verantwortlich war, einige dieser Steine transportiert zu haben, selbst wenn diese um Mitternacht auf einem Holzwagen transportiert wurden.

Das Wetter war schön an diesem Sonntag der Einweihung. Als wir uns in einer Reihe aufstellten für das Abendessen ging die Schlange vom Flur des Ess-Zimmers hinunter ins Erdgeschoss und hinaus auf den Gehsteig. Die Türen waren weit offen und Niemand hatte das Verlangen nach einem Mantel. Adam Dorr[8], Vater von Fred Dorr, sagte: “Jesus verpflegte die fünf Tausend und tut es noch heute.”

Altar der Trinity Kirche in Marcus, IA
Altar der Trinity Kirche in Marcus, IA

Eines der einzigartigen Merkmale der Trinity-Kirche war der schräge Boden. Die hinteren Kirchenbänke waren sehr viel höher als die vorderen. Das war gar nicht lutherische Art. Das Auferstehungsbild im Altarraum wurde gestiftet, in Erinnerung an Frau Will (Hilda) Ohlendorf, Eddie’s Mutter.


[1] Sohn von Christof Grauer (geb. 16.10.1851 in Jettenburg)
[2] 32,4 ha
[3] geb. 24.10.1861 in Jettenburg und Onkel von Peter Grauer
[4] Erscheint mir, gemessen an den Gesamtkosten, deutlich zu hoch!
[5] Adam Grauer
[6] Carl Dorr
[7] Jeity Wilkens
[8] Lulu Grauer’s Großvater

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